Fasten bedeutet nicht nur Verzicht. Durch das Verlagern bisheriger Gewohnheiten und Schwerpunkte im Alltag wird die Aufmerksamkeit auf andere freudvolle Aspekte des Lebens gelenkt. - Foto: AOK/Colourbox/oH
- Anzeige -

Ostholstein – Für viele Menschen beginnt nach dem Aschermittwoch die Fastenzeit – 40 Tage ohne. Aber ohne was? Fasten ist eine alte Form der Enthaltsamkeit, die in vielen Kulturen belegt ist. Beim Fasten wird für eine begrenzte Zeit meist ganz oder teilweise auf bestimmte Speisen, Getränke, Genussmittel oder Angewohnheiten verzichtet. Abnehmen und Zellreinigung, also mehr Wohlbefinden oder eine bessere Gesundheit sind oft Gründe für die mehrwöchige Abstinenz. „Gesund und bewusst leben, liegt im Trend. Der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel ist eine Form des Fastens. Aber auch der Verzicht auf bestimmte Verhaltensweisen, Konsum oder Technologien tut Körper und Seele gut und kann zu einem bewussteren Leben beitragen“, sagt AOK-Serviceregionsleiter Reinhard Wunsch.

Nicht nur von Lebens- und Genussmitteln fasten

Es wird nicht mehr nur Lebens- und Genussmitteln entsagt. In der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Karfreitag verzichten immer mehr Menschen auch auf anderes, um nicht nur dem Körper, sondern auch dem Geist, der Natur und den Mitmenschen Gutes zu tun: Fernseher, Auto, Plastik, Handy oder nicht unbedingt notwendigen Konsum. Andere versuchen, bestimmte Verhaltensweisen zu vermeiden, die ebenfalls alltäglich geworden sind, aber nicht positiv wirken, wie Schimpfen oder Grübeln.

Wenn Fasten zum Gewinn wird

Der Verzicht auf ablenkende oder den Geist belastende Aktivitäten sorgt für mehr Ruhe und Entspannung: achtsam den Moment genießen. Wer Ablenkendes auch gedanklich ausschaltet, fokussiert sich besser und schafft Zeit für das geplante Vorhaben. Einfach mal das Gehirn von der Hochleistung entlasten und nicht ständig bewegte Bilder, Geräusche oder neue unterbrechende Tätigkeiten durch Fernsehen oder Social Media verarbeiten. So wird Fasten nicht zum Verzicht, sondern zum Gewinn. Immerhin läuft allein das TV-Gerät bei den Deutschen im Schnitt rund drei Stunden täglich. „Statt alle paar Minuten auf das Handy zu schauen, längere Zeiten ohne Handykontrolle üben oder gezielt Sendungen aussuchen, statt abends den Fernseher einfach laufen zu lassen. Das fällt vielen schwer, schafft aber Raum, den Blick für sich selbst zu schärfen. Allein das Nachdenken darüber, welcher Schwerpunkt mal für 40 Tage verlegt werden kann, macht manche Gewohnheiten bewusster“, so Wunsch.

Achtsamkeit im Alltag

Gewohnheiten bestimmen den Tagesablauf. Äußere Reize führen zu automatischen Reaktionen, die nicht mehr reflektiert werden. Der Tag wird einfach abgespult. Unangenehme Gedanken und Gefühle werden verdrängt oder lösen direkte Reaktionen aus, die manchmal hinterher bereut werden. Wer es schafft, unangenehme Gefühle als Hinweis auf nicht erfüllte Bedürfnisse zu nutzen, findet mit etwas Übung Ideen für ein lösungsorientiertes Handeln und wird durch positive Gefühle belohnt. „Der moderne Alltag verleitet zur Unachtsamkeit. Ständige Erreichbarkeit, die Verschmelzung von Privat- und Berufsleben, das Managen des Familien-, Studien- und Schulalltags – die Gesellschaft verlangt uns viel ab“, so Wunsch weiter. Das Gehirn ist nicht für Multitasking gemacht – es signalisiert schnell, dass es zu viel ist. Anstatt den Moment bewusst wahrzunehmen und sich über Geschafftes einfach zu freuen, wird schon die nächste Tätigkeit geplant. Oder es wird vermeintliche Ablenkung gesucht, die aber nur gefühlte Entspannung bringt. Dem Gehirn wird beim Fernsehen oder ‚Surfen‘ im Internet wieder unbewusst Höchstleistungen abverlangt. Hier wird bereits aus ein bisschen weniger ein echter Gewinn. Übrigens ist es auch ein Gewinn, nicht nur das Negative zu sehen und zu schimpfen, sondern den Blick auf das Positive im Alltag zu richten. Am Aschermittwoch muss also trotz Fastens nicht alles vorbei sein, sondern es kann auch etwas Gutes beginnen.